Stadtpatrozinium  - Breisach, 23.06.2013
Mt 13, 31-35

Predigttext Stadtfest 2013

Dr. Julia Mack

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und
die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des
Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Festgemeinde!

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt.“ Im gleichnamigen Film sitzt der Held Forrest Gump auf einer Bank und erzählt wildfremden Menschen von seinem Leben. In allen Details. Durch alle Epochen des 20. Jahrhunderts. Und wir Zuschauer sehen alles mit an, was er erzählt. Alle Erlebnisse seines Lebens, die Menschen, die er trifft. Ein langer, ergreifender Film mit vielen wunderschönen Szenen.

Und doch lässt sich alles in diesem einen Satz zusammenfassen: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt.“ Ein Satz, der total aus dem normalen Leben gegriffen ist. Jede und jeder von uns hat schon einmal eine Schachtel Pralinen gesehen. Und wahrscheinlich kennen viele von uns dieses Gefühl, wenn man sich eine Praline aus einer Schachtel aussuchen darf – hm, was da wohl drin ist? Erwische ich die richtige für mich, köstlich gefüllt? Oder doch wieder nur die aus einfacher Vollmilch, ohne jede Füllung?

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt.“ Wir hören diesen Satz und vor unserem inneren Auge entstehen eigene Bilder, vermischt mit eigenen Erfahrungen. Eine kleine Welt entsteht und wir wissen genau, was Forrest Gump meint. Das Leben ist wie… ja, genau so ist es.

Ist wie…

Diese „Ist-wie-Sätze“ gibt es häufig, auch in der Bibel, auch im heutigen Predigttext. Wir haben ihn gerade schon von Herrn Diakon Wochner gehört. Ich lese noch einmal aus dem Matthäus-Evangelium, aus dem 13. Kapitel die Verse 31 bis 35.

31 Ein anderes Gleichnis legte Jesus ihnen vor und sprach:

Das Himmelreich ist wie ein Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte;

32 das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, sodass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

33 Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

34 Das alles redete Jesus in Gleichnissen zu dem Volk, und ohne Gleichnisse redete er nichts zu ihnen,

35 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Psalm 78,2): »Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen, was verborgen war vom Anfang der Welt an.«

Liebe Gemeinde, zweimal die Wendung “Ist wie” in fünf kurzen Sätzen. Eine Fülle von Bildern entsteht in diesem begrenzten Sprachraum. Das ist die Stärke von Ist-wie-Sätzen oder Gleichnissen, wie sie im Neuen Testament genannt werden. Sie entwerfen mit wenigen Pinselstrichen ein ganzes Panorama. Sie sagen nicht: Das Leben oder das Himmelreich ist genau so. Sondern sie sagen: Es ist wie. Ein Vergleich. Etwas Offenes, noch nicht abgeschlossen, mit Leerstellen, die wir gedanklich selbst füllen können.

Meist geht es dabei um die ganz großen Dinge. Um das Leben, bei Forrest Gump. Um das Himmelreich, bei Jesus. Winzig klein und unscheinbar wie ein Senfkorn ist es zu Beginn und wächst zu einer herrlichen Erscheinung heran.

Und wie Sauerteig durchdringt es die ganze Welt, wirkt ansteckend und anregend und gibt der Welt einen ganz anderen Geschmack.

Senfkorn, Sauerteig – wie so oft greift Jesus hier Bilder auf, die direkt mit dem Alltag der Menschen um ihn herum zu tun hatten.

Wer von uns weiß, wie ein Senfkorn aussieht? Die Ministrantinnen und Ministranten bringen Ihnen jetzt Schalen mit Senfkörnern, die Sie durch die Reihen geben können. Sie können sie sich anschauen, sie anfassen, vielleicht sogar die Senf-Schärfe probieren. Sie können sich auch gerne ein oder zwei Körner mit nach Hause nehmen und dort schauen, ob Sie es in ihrer Tasche wieder finden… So klein sind sie. Und doch kann daraus eine Pflanze wachsen, die die Größe der Körner um ein Vielfaches übersteigt.

Von einem Baum, der daraus wächst, spricht der Predigttext, in dem die Vögel des Himmels wohnen. Ein Baum, der aus einem Senfkorn wächst? Es gibt zwar tatsächlich einen seltenen Senfbaum, aber der wird eigentlich nicht in einen Acker gesät, so wie es im Gleichnis beschrieben wird. Der Evangelist Matthäus spielt hier auf das Alte Testament an. Dort spricht der Prophet Ezechiel von einem Baum, der hoch und schön in Gottes Garten gewachsen ist, so dass alle Vögel des Himmels in seinen Ästen nisten und alle Tiere des Feldes ihre Junge in seinem Schutz aufziehen und alle großen Völker in seinem Schatten wohnen.

Ich denke, das Gleichnis will seine Zuhörerschaft zum Nachdenken bringen, indem es mit etwas ganz Alltäglichem, Winzigkleinem anfängt und bei etwas unvorstellbar Großem endet, einem Bild aus der Sprache der Propheten, den damaligen Zuhörenden wohl bekannt. Sie waren in der Lage, das Gleichnis für sich weiterzuführen.

So sagen die Gleichnisse nicht nur etwas über das Reich Gottes aus, sondern auch sehr viel über uns Menschen: Jesus traut seinen Zuhörerinnen und Zuhörern etwas zu – und da schließe ich uns mit ein. Er traut uns zu, dass wir seine Sprachbilder verstehen. Er ermutigt uns, sie weiterzudenken, sie mit eigenen Kenntnissen, Erfahrungen und Gefühlen anzureichern. Das ist ein Vorgang, den Sie alle kennen, liebe Gemeinde: Bei jeder Predigt geschieht er. Wir bleiben an einem Bild oder einem Satz hängen und denken ihn weiter, schreiben im Kopf eine ganze Geschichte dazu. Und ich als Predigerin traue Ihnen zu, dass das Wort viel weiter wirkt, als ich es alleine ausdrücken könnte. Für mich persönlich ist dieser Gedanke entlastend und ermutigend. Die biblischen Texte, wir dürfen und sollen sie weiterschreiben, miteinander weiterpredigen, jetzt gerade, aber auch, wenn sie mit einem Satz oder einem Bild im Kopf nach Hause gehen, ihn mit in ihr Leben nehmen. Ein kleines Satz, ein winziges Senfkorn, das in uns wächst zu etwas herrlich Großem.

Das Reich Gottes ist wie … Jesus beschreibt in Gleichnissen die großen Dinge des Lebens und des Glaubens. In Vers 34 und 35 heißt es:

Das alles redete Jesus in Gleichnissen zu dem Volk, und ohne Gleichnisse redete er nichts zu ihnen, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Psalm 78,2): »Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen, was verborgen war vom Anfang der Welt an.«

Indem Jesus in Gleichnissen redet, erkennt er an, dass all unser Reden über Gott, über das Himmelreich vorläufig ist. Er nähert sich diesen großen Begriffen an, ohne sie endgültig abzuschließen. Er bietet uns Deutungen an und zeigt zugleich, dass in diesen Sprachbildern immer mehr steckt, als ein Mensch allein heraushören kann. Und er irritiert mit diesen Bilder – so wie mit dem Bild von dem winzigen Senfkorn, aus dem ein Baum wachsen soll, unter dem alle Vögel, Tiere und Völker Platz finden. Er irritiert damit und er bringt die Menschen dazu, sich mit ihren Vorstellungen vom Glauben, von Gott auseinander zu setzen, miteinander ins Gespräch darüber zu kommen, was unser Trost im Leben und im Sterben sein kann und soll.

„… ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen.“ Offenbar ist diese Art des vorläufigen Redens genau die richtige Weise, wie wir über Glauben reden können.

Und nicht nur über den Glauben. – Die Gleichnisse selbst, diese Art miteinander zu kommunizieren, darin offenbart sich bereits das Reich Gottes. Sie verändern die Wirklichkeit, geben der Welt einen neuen Geschmack, so wie der Sauerteig. Indem wir die Bilder unseres Glaubens miteinander teilen, werden wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Reich Gottes, hier bei uns auf Erden, hier bei uns in Breisach.

Liebe Gemeinde! Vielleicht fragen Sie sich, was das alles mit Gervasius und Protasius zu tun hat? Ich als zugezogene Protestantin habe mir vieles über die beiden angelesen und werde mich dennoch davor hüten, Ihnen etwas Abschließendes über Gervasius oder Protasius erzählen zu wollen. Sie als Breisacher wissen sicher viel besser, wie es sich anfühlt, mit diesen Stadtheiligen zu leben!

Aber etwas an den Stadtpatronen ist mir wichtig geworden, das mit dem heutigen Predigttext zu tun hat: Ich sehe, wie die Stadtheiligen Menschen zusammenbringen, hier in Breisach. Wie sie mit ihrer Lebensgeschichte Zeugnis ablegen von ihrem Glauben und wiederum Stoff abgeben, für eigene Geschichten und Erfahrungen unseres Glaubens. Und das seit 849 Jahren hier in der Stadt. Sie bringen Menschen miteinander ins Gespräch. Sie lassen Bilder im Kopf entstehen, rufen Erlebnisse und Gefühle in uns wach, die wir im besten Fall miteinander teilen. Sie irritieren auch, das darf ich als Protestantin an dieser Stelle zugeben. Aber diese Irritation empfinde ich als fruchtbar und lohnend. Märtyrer, Zeugen, Vorbilder leben uns eine Wirklichkeit des Glaubens vor, arbeiten an dieser Wirklichkeit mit. Sie sind lebendige Gleichnisse dessen, was kommen wird. Und dank der biblischen Gleichnisse wissen wir, dass diese Wirklichkeit offen ist, ein Angebot zum Weiterdenken, Weiterdiskutieren.

Eigentlich auch ein schönes Bild für die Ökumene in Breisach. Gerade die Heiligenverehrung bietet Diskussionsstoff zwischen Katholiken und Protestanten. Im besten Fall bringt sie Menschen zum Nachdenken, zum Überdenken eigener Positionen. Sie bringt uns ins Gespräch – miteinander und mit Gott. Sie bringt Dynamik in unser Miteinander. Und diese Dynamik wird besonders deutlich in den Gleichnissen. Sie sind die angemessene Art, von unserem Glauben zu reden. Und sie lassen dadurch Glauben entstehen. Sie helfen uns, sich der Vorläufigkeit unserer Existenz bewusst zu sein. Und sie lassen uns dennoch um das Endgültige ringen und darauf hinleben. (Das bewahrt uns auch vor einer Beliebigkeit oder einem „anything goes“. Es geht ja um die ganz großen Fragen unseres Lebens.)

Liebe Gemeinde! Lasst uns also teilhaben an den Zeugnissen im Leben und im Glauben, die wir ablegen und die andere vor uns abgelegt haben, so wie Gervasius und Protasius. Und seien wir uns bewusst, dass all unsere Worte, Erlebnisse und Gedanken wie Senfkörner sind, klein, unscheinbar, vorläufig – aber auch der Vorgeschmack einer unvorstellbar großen Herrlichkeit, des lebendigen Wortes, Gottes Wirklichkeit.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.